Alex Kotlowitz: Kinder gibt es hier nicht mehr ___________

Der Bürgerkrieg in Amerikas Großstädten

«Kotlowitz hat ein machtvolles und trauriges Buch geschrieben. Mit einem Porträt zweier Brüder, die in einer Sozialsiedlung in Chicago aufwachsen, zeichnet er das Bild eines anderen, eines armen und kaputten Amerika. Pharoah Rivers ist neun, sein Bruder Lafeyette elf Jahre alt, als Kotlowitz Bericht beginnt. Zwei Jahre hat der Reporter die beiden schwarzen Jungen begleitet.

Kotlowitz zeigt, wie groß der Abstand zwischen Schwarz und Weiß, zwischen dem Amerika der Mittelklasse und dem Amerika des urbanen Elends geworden ist. Er beschreibt den täglichen Terror in Amerikas Slums, die Furcht, die auf beiden Seiten der Trennlinie zwischen den Rassen herrscht. Immer wieder hat der Leser seines Buches das Gefühl, dass schon die nächste Seite, der nächste Tag im Leben von Pharoah und Lafeyette einen kurzen Frieden und ein kurzes Glück wieder in Verzweiflung wenden könnte.» (DIE ZEIT)

Für Joseph Conrad lag das «Herz der Finsternis» vor hundert Jahren noch im Urwald am Kongo, im schwärzesten Afrika. Heute breiten sich die Brandherde der Gewalt, der Armut, der Gesetzlosigkeit in den Elendsquartieren der Großstädte aus: die soziale Wüste wächst, und zwar nicht irgendwo fern in den traurigen Tropen, sondern überall, auch bei uns, gleich nebenan.

Wir sehen die Bilder von Straßenschlachten, Plünderungen, rauchenden Ruinen. Wir hören das Gejohle der jugendlichen Randalierer, den geifernden Beifall der Gaffer. Doch schon am nächsten Tag ist die Sensation verpufft, und in den Slums geht der öde, grausame Alltag einfach weiter.

Was wissen wir davon? Solange die Ghettos von namenlosen Massen bevölkert scheinen, können wir noch leicht unsere Augen, Ohren und Herzen verschließen. Aber sobald ein einzelner aus der Menge hervortritt, ein lebendiger Mensch mit seinem Gesicht, seinem Namen, seiner Geschichte, seinem Schicksal, gelingt das nicht mehr. Und so ergeht es jedem, der «Kinder gibt es hier nicht mehr» von Alex Kotlowitz liest. Die ernsten schwarzen Kindergesichter von Lafeyette und Pharoah werden immer dasein, wenn wieder von Rassenunruhen, Gewalt und Verbrechen berichtet wird.

Alex Kotlowitz wollte eigentlich nur einen kurzen Artikel zu dem Foto-Essay eines Freundes über Kindsein im anderen, im armen Amerika schreiben. So lernte er im Sommer 1985 den zehnjährigen Lafeyette und dessen siebenjährigen Bruder Pharoah sowie ihre Mutter Laioe Rivers kennen. Was er von ihnen zu hören bekam, ließ ihn nie wieder los.

In der besten Tradition des investigativen Journalismus ging Kotlowitz für seine Zeitung, das «Wall Street Journal», mitten hinein in die heruntergekommenen Massenquartiere Chicagos, lebte zwei Jahre in den Henry Horner Homes, wo in einer der scheußlichen Sozialwohnungen LaJoe Rivers mit ihren Kindern ums Überleben in einer mörderischen Umgebung kämpft.

Ihr Mann, dem Alkohol verfallen und in kriminelle Machenschaften verwickelt, ist fast nie zu Hause. Also muss Lafeyette, obwohl noch ein Kind, viel zu früh Verantwortung für Mutter und Geschwister tragen. Er ist der Mann im Hause, der seine Mutter zu trösten und seinen Bruder Pharoah sowie die drei Kleinen einigermaßen zu schützen versucht vor den Gefahren, die das Leben in Horner mit sich bringt. Gewalt, Verbrechen, Jugendgangs, die Drogenverlockung lauern überall.

Ganz anders sein Bruder Pharoah. Der liest Bücher, schreibt Geschichten, ist ein ausgezeichneter Schüler. Allerdings, ohne den Schutz des härteren Lafeyette wäre der zarte und ängstliche Pharoah verloren. So aber kann er überleben und die vielen Krisen und Katastrophen der Familie Rivers einigermaßen ungebrochen überstehen.

«Kinder gibt es hier nicht mehr» ist ein hartes Buch über ein hartes Leben. Es öffnet uns die Augen für eine Realität, vor der wir nur zu gern die Augen verschließen.

Alex Kotlowitz, in New York geboren, ist seit 1985 Reporter für das «Wall Street Journal». Für seine Reportage über Lafeyette und Pharoah erhielt er 1988 den Robert F. Kennedy Award. Alex Kotlowitz lebt heute in Chicago.

Für Joseph Conrad lag das «Herz der Finsternis» vor hundert Jahren noch im Urwald am Kong
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